Bach Bibliography
News Release --- 18 June 2005

A Brief Report on the Recently Discovered Soprano Aria of Johann Sebastian Bach (BWV 1127)

Michael Maul


Vorgeschichte

Seit dem Jahr 2002 bin ich im Auftrag des Bach-Archivs Leipzig und der Ständigen Konferenz Mitteldeutsche Barockmusik e.V. in Mitteldeutschland unterwegs, um systematisch nach musikgeschichtlich relevanten Materialien der Barockzeit – Orgelbauakten, Hinweisen zur Aufführungspraxis, Briefen berühmter Musiker –in kommunalen, kirchlichen und staatlichen Archiven zu fanden. Vor allem erhoffte man sich von Seiten des Bach-Archivs neue literarische Dokumente von und über Johann Sebastian Bach.

Die Erfolge des Projektes in Bach-relevanten Fragen können in meinen Aufsätzen in den letzten Bach-Jahrbüchern nachgelesen werden: in der kleinen thüringischen Stadt Ronneburg entpuppte sich der dortige Kantor Johann Wilhelm Koch als Hüter der größten Bachiana-Sammlung zu Lebzeiten des Thomaskantors – erstmals sind wir nun ganz genau über den Musikalienaustausch zwischen Kantorenkollegen im direkten Umfeld Bachs informiert; für das Jahr 1755 konnte die Teilwiederaufführung von Bachs Choralkantatenjahrgang nachgewiesen werden, aber auch interessante Dokumente zum großen Eisenacher Johann Christoph Bach fanden sich in staubigen Archiven.

Alle neu ermittelten literarischen Bach-Dokumente werden in Kürze innerhalb der Bach-Dokumente, Band 5 der Öffentlichkeit präsentiert werden.

Daß bei diesen systematischen Recherchen auch bisher nicht bekannte Musikalien von Bach auftauchen könnten, wagte niemand zu prognostizieren. Und überhaupt habe ich die Archivarbeit in den eigentlichen Bach-Städten Arnstadt, Mühlhausen, Weimar, Köthen und Leipzig zunächst nicht in den Fordergrund gestellt, scheinen dort doch alle Aktenstapel schon von Generationen von Bach-Forschern Blatt für Blatt gewälzt worden zu sein, so daß man nicht ernsthaft noch mit neuen Entdeckungen rechnen konnte.

Weimarer Gelegenheitsdichtungen

Seit einem halben Jahr begann ich jedoch das Thema Bach in Weimar neu anzugehen. Vor allem interessierte mich zunächst die dort noch nicht so intensiv betriebene Auswertung der städtischen – nicht der höfischen! – Musikgeschichte.

Eher zufällig bekam ich jedoch auch Kunde von einem bislang kaum beachteten Relikt der höfischen Musikgeschichte. Denn die im vergangenen Jahr durch einen furchtbaren Brand in Teilen zerstörte weltberühmte Herzogin Anna Amalia Bibliothek – allgemein als die Bibliothek der deutschen Klassik um Schiller und Goethe bekannt – besitzt auch einen umfangreichen Bestand an Gelegenheitsdrucken aus dem frühen 18. Jahrhundert. Hier überwiegen Gratulationsgedichte hoher höfischer und geistlicher Beamter des Herzogtums Sachsen-Weimar, die aus Anlaß der Geburtstage und Namenstage ihrer Regenten entstanden. Darunter sind auch Textdrucke von Glückwunschkantaten aus der Feder des auch für Johann Sebastian Bach als Textdichter tätigen Konsistorialsekretärs und selbsternannten Hofpoeten Salomon Franck. Vor allem jene hatten mein Interesse geweckt, denn kommt ihre Entstehungszeit mit Bachs Wirken als Hoforganist (1708-1714) und Konzertmeister (1714-1717) in Weimar zusammen, so wäre er ein potentieller Vertoner dieser Texte gewesen. Vielleicht – so hoffte ich – könnte man anhand von Textparallelen zu erhaltenen Bach-Kantaten im Einzelfall nachweisen, daß unter diesen Textdrucken möglicherweise zumindest Libretti zu verschollenen Bach-Kantaten vorliegen könnten. Schließlich hat sich Bach gern selbst kopiert bzw. parodiert – ein solcher Nachweis wäre schon ein Erfolg für die Bachforschung gewesen.

Als „Schlüssel zum Glück“ stellte sich im Nachhinein meine Entscheidung heraus, nicht einzelne, laut Katalogtitel interessant erscheinende Textdrucke, zur Einsicht zu bestellen, sondern den Gesamtbestand von ca. 800 Einzeldrucken Stück für Stück durchzugehen. Zumeist kann man ohnehin nicht anhand eines Titelblattes entscheiden, ob hier nur ein gesprochenes Gedicht vorliegt, ein Kantaten- oder Serenadentext oder Glückwünsche anderer Art. 

O Gott, das sieht ja aus wie Bach!

Als ich schließlich am 17. Mai fast zehn Stunden die großen Kartons mit den zahlreichen Einzeldrucken durchsah – Essen und Trinken hatte ich darüber mal wieder vergessen – , fiel mein Blick plötzlich auf ein 12 strophiges Gedicht des Superintendenten von Buttstädt (ca. 25 Kilometer nordöstlich von Weimar gelegen; hier wirkte ab 1721 der Bach-Schüler Johann Tobias Krebs d.Ä. als Organist), Johann Anton Mylius, der aus Anlaß des 52. Geburtstags seines Landesherrn Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar dessen Wahlspruch Omnia cum deo et nihil sine eo in deutsche Verse gefaßt hatte, die sämtlich unter dem Motto Alles mit Gott und nichts ohn’ ihn stehen. Der achtseitige Druck hat am Ende zwei leer gebliebene Seiten, auf denen handschriftlich die Vertonung dieses Textes eingetragen wurde – eine Aria Soprano Solo è Ritornello, ein Autor wird nicht genannt.

Mir stockte der Atem, denn schon allein der weit ausgreifende Sopranschlüssel kam mir sofort bekannt vor: O Gott, das sieht ja aus wie Bach!

Zugleich versuchte ich realistisch zu bleiben: Die Familie Mylius ist auch eine Musikerdynastie Thüringens. Ein naher Verwandter des Superintendenten war selbst angesehener Kantor in Buttstädt bis 1710 gewesen und war 1713 im gleichen Amt in der Residenzstadt Merseburg tätig; er veröffentlichte sogar eine Anleitung zur Singkunst. In Gotha war wenige Monate zuvor der Kapellmeister Wolfgang Christian Mylius gestorben, und auch anderswo im damals musikalisch so außerordentlich interessanten Thüringen waren zahlreiche Mitglieder der Familie als Musiker tätig gewesen. Die hätte der Buttstädter Superintendent doch sicher zuerst um eine Vertonung des Textes gebeten, um ihn dann dem Herzog zum Geburtstag zu überreichen...

Und dennoch, es sah aus wie Bach!

Hektisch suchte ich im Handapparat der Bibliothek nach Bach-Literatur, um anhand von dort abgebildeten Bach-Autographen mein „Hirngespinst“ zu beseitigen, oder doch zu bestätigen – die Bibliothek hatte nur noch wenige Minuten geöffnet. Da sich auf die Schnelle kein aussagekräftiges Material fand, beauftragte ich kurzerhand Reproduktionen der Quelle. Daheim, in der Bibliothek des Bach-Archivs, steht mir schließlich die vollständigste Bachiana-Sammlung in Kopien zur Verfügung. Dann könnte ich in Ruhe meine Vermutung überprüfen.

Die nächsten Tage wurden lang. Das „Hirngespinst“ bekam ich nicht mehr aus dem Kopf und mein Kollege, Lehrer und Freund Peter Wollny – eine Koryphäe in Sachen Bachs Handschrift – durfte sich stundenlang meine Vermutung anhören, ohne freilich, in Ermangelung einer Abbildung, mir zunächst helfen zu können. Gemeinsam erwarteten wir täglich die Ankunft der Reproduktionen. Am 1. Juni war es schließlich soweit. Peter raunte mir sofort zu: „Aufmachen!“.

Und sein erster Kommentar:

„Ein echter Volltreffer. Der wichtigste Quellenfund seit vielen Jahrzehnten.“

Am Abend ließen Peter und ich erst einmal die Korken von einer wirklich teuren Flasche Champagner auf diesen „Schreck“ knallen. Gemeinsam mit meinem Doktorvater Prof. Christoph Wolff beschlossen wir am Tag darauf, die Sache am 7. Juni bei einer Pressekonferenz bekannt zu geben. Seither stehen die Telefone nicht still, und alle Welt will die Arie aufführen. Fieberhaft arbeiten wir nun an einer Vorabedition, die hoffentlich in den nächsten Wochen erscheinen wird.

Nun noch einige Bemerkungen zum Stück selbst:

Alles mit Gott und nichts ohn’ ihn (BWV 1127)

Mylius hatte durch die 12-strophische Dichtung praktisch die äußere Form vorgegeben. Doch Bach entschied sich nicht für eine schlichte Strophen-Arie mit kurzem, die Strophen voneinander abtrennenden Streicherritornell, sondern er schuf in seinem einzigen Beitrag zu dieser Gattung eine Mischform zwischen strophischer und Da Capo-Arie. Strukturell ähnelt das Stück der Arie „Weil die wollenreichen Herden“ aus Bachs Jagdkantate BWV 208: die eigentliche Arie ist nur vom Continuo begleitet, erst das die Strophen voneinander abtrennende Ritornell ist mit 2 Violinen, Viola und B.c. besetzt. Der Charakter ist jedoch, nicht zuletzt aufgrund des vorgeschriebenen adagio, ein ganz anderer. Vor allem besticht an dem Stück der hohe melodische Wert in der Gesangsstimme. Zumindest bekommt man das Motiv des Mottos Alles mit Gott schon nach einmaligem Hören kaum mehr aus dem Kopf, was man nicht von allen Bach-Themen behaupten kann...

Die kunstvollen Imitationen im Streicherritornell ähneln einigen Stücken im berühmten Orgelbüchlein.

Die Aufführung einer Strophe dauert ca. 4 Minuten. Damals könnten durchaus alle 12 Strophen bei Hofe musiziert worden sein, denn der Superintendent wird seine theologischen Ergüsse gern vollständig gehört haben. Für die Zukunft wird sich wohl eine Aufführung von 2 bis 3 Strophen durchsetzen.

Wunder=Segen

In dem Text ist gleich in der ersten Strophe von einem „Wundersegen“ die Rede. Dieser muß auch über Bachs Arie gelegen haben, denn nach fast 300jährigem Dornrösschenschlaf wäre dieses wunderbare Stück eigentlich im letzten Jahr bei dem verheerenden Bibliotheksbrand Opfer der Flammen geworden, wenn sich das Manuskript damals an seinem üblichen Platz befunden hätte. Als Glücksfall erwies sich jedoch, daß der Restaurator der Bibliothek, Matthias Hageböck, für die Bestandsgruppe der Weimarer Gelegenheitsdichtungen ein gewisses Interesse entwickelte. Denn die Glückwunschgedichte sind sämtlich in edle Buntpapiere eingebunden, die in dieser Art im Deutschland des 18. Jahrhunderts kaum belegt sind. Um Untersuchungen an diesen Einbänden vorzunehmen, hatte der Restaurator die Kisten mit den Dichtungen nicht lange vor dem Brand in seine Restaurationswerkstatt geholt. Diesem „Wundersegen“ haben wir es zu verdanken, daß wir nun – 70 Jahre nach Bekanntwerden von Bachs Kantatenfragment Bekennen will ich seinen Namen BWV 200 – wieder ein zuvor gänzlich unbekanntes Bachsches Vokalwerk kennenlernen dürfen.

Überdies dürfte der Schriftbefund der präzise datierbaren Arie auch einige Konsequenzen für die zeitliche Einordnung von Bachs benachbarten Weimarer Werken haben. Darüber, und über andere musikwissenschaftliche Details, soll jedoch ausführlich in einem Beitrag im kommenden Bach-Jahrbuch berichtet werden.


Last modified: 21 July 2005